Einer der absurdesten Fälle, die wir in 2,5 Jahren Helferei erlebt haben, gibt zumindest den Denkanstoß zu dieser Frage. Und um es vorab direkt zu sagen: Nein, hier hat nicht einfach „die Bürokratie versagt“ oder jemand den eigenen Job falsch gemacht.
Eine Familie meldete sich bei uns. Die Mutter ist mit ihrem zweiten Kind schwanger und hat einen angeborenen Herzfehler. Normalerweise würde dieser unter Vollnarkose mit Elektroschocks behandelt und für einige Jahre reguliert bleiben. Doch während der Schwangerschaft ist der Herzfehler zurückgekehrt – und ihre Ärzt:innen halten die entsprechende Behandlung aktuell für zu riskant.

Die Mutter lebt deshalb mit einem erhöhten Schlaganfallrisiko und ist gleichzeitig im Alltag stark eingeschränkt. Schon Treppensteigen oder längere Wege strengen sie an. Die Familie hat bereits ein einjähriges Kind. Mit ihm kann die Mutter momentan kaum etwas unternehmen. Ein Spaziergang um den Block? Zu viel. Das Kind länger tragen? Kaum möglich.
Zwei unterschiedliche Ärzt:innen haben deshalb unabhängig voneinander bescheinigt, dass sie bis zum Ende ihrer Schwangerschaft Unterstützung im Haushalt und bei der Kinderbetreuung benötigt. In solchen Fällen besteht die Möglichkeit, dass die gesetzliche Krankenkasse diese Leistung für betroffene Patientinnen übernimmt (§ 38 Abs. 1 Satz 3 SGB V).
Diese Haushaltshilfe und das Babysitting hätten wir über die Helferei kurzfristig organisieren können.
Die Krankenkasse lehnte den Antrag unter Verweis auf die geltenden Regelungen jedoch ab.

Die Begründung ist bemerkenswert und lautete sinngemäß:
Weil die Mutter vor ihrer Erkrankung in Vollzeit gearbeitet hat, sei davon auszugehen, dass sie Haushalt und Kinderbetreuung während dieser Arbeitszeit ohnehin nicht übernommen hätte. Durch ihre Erkrankung entstehe deshalb kein entsprechender zusätzlicher Unterstützungsbedarf.
Wer nicht oder in Teilzeit arbeitet, kann leistungsrechtlich hingegen anders bewertet werden.
Doch wann erledigen in Vollzeit arbeitende Menschen, ob nun Frauen oder Männer, eigentlich ihre Care-Arbeit? Haushalt, Einkaufen, Wäsche, Kinderbetreuung und Familienorganisation verschwinden schließlich nicht mit Beginn eines Arbeitsvertrags. Sie werden morgens, abends, nachts und am Wochenende erledigt – im Falle einer 40 Stunden-Woche eben zusätzlich zur Erwerbsarbeit in Vollzeit.
Jahrzehntelang wurden insbesondere Frauen dafür kritisiert, wenn sie trotz Kindern arbeiten gingen. Heute wird in Teilen des öffentlichen und gesellschaftspolitischen Diskurses gleichzeitig infrage gestellt, ob Menschen in Deutschland genug arbeiten.
Doch unsere Strukturen passen häufig noch immer nicht zu Paaren, in denen beide Menschen berufstätig sind.
Im konkreten Fall der Helferei-Kund:innen kommt hinzu, dass die Kita das erste Kind der Familie nur noch bis 15 Uhr betreuen möchte. Sie hat entschieden, dass es mit einem Jahr für längere Betreuungszeiten "noch zu jung" sei. Die Mutter kann es aufgrund ihrer Erkrankung kaum tragen oder längere Wege zurücklegen, der Vater arbeitet bis mindestens 17 Uhr.
Wer schließt für diese Familie nun die entstandene Betreuungslücke?

Wer mehr Erwerbsarbeit von Frauen und Eltern erwartet, muss auch die Rahmenbedingungen dafür schaffen. Dazu gehören verlässliche Kinderbetreuung und Hilfe im Haushalt, Unterstützung im Krankheitsfall und ein Verständnis davon, dass unbezahlte Care-Arbeit auch dann existiert, wenn Menschen 40 Stunden pro Woche arbeiten.
Die Familie bezahlte ihre Haushaltshilfe und Unterstützung über die Helferei zunächst für zwei Wochen selbst. Ihnen blieb nichts anderes übrig, denn ohne die Unterstützung hätten sie ihren Alltag kaum bewältigen können. Allerdings war klar: Dauerhaft konnte das trotz zweier Vollzeitjobs kaum die Lösung sein. Inzwischen konnte die Mutter ihren verbleibenden Urlaubsanspruch geltend machen und damit formal nachweisen, dass sie diese Zeit für die Kinderbetreuung verwendet. Erst dadurch war die Übernahme der so dringend benötigten Unterstützung zu Hause möglich.
Dieser Fall zeigt deshalb mehr als eine bürokratische Besonderheit. Er wirft eine grundsätzliche Frage auf:
Welches Frauen- und Familienbild steckt noch immer in unseren Regelwerken – und setzen diese Strukturen tatsächlich Anreize dafür, dass Eltern und insbesondere Frauen mehr arbeiten?
Was meint ihr? Ihr wollt etwas dazu sagen oder habt ähnliche Geschichten erlebt?
Schreibt uns gerne an 📩 hallo@die-helferei.de – wir freuen uns immer über Inspiration und Austausch!